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Israel 2014: "Wir sind abgestumpft"
Der Spiegel brachte dieses Fragegespräch mit der israelischen Soziologin Eva Illouz:


"Wir sind abgestumpft"

Israel Die Soziologin Eva Illouz über eine in ihrer Angst gefangene Gesellschaft, die auf Stärke setzt, sich zunehmend auf jüdische Werte beruft - und das Leiden der Palästinenser nicht mehr wahrnimmt

Illouz, 53, geboren in Marokko und aufgewachsen in Sarcelles bei Paris, ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Sie erforscht die Beziehungen von Emotion, Ökonomie und Kommunikation und hat mehrere Bücher verfasst; 2011 erschien von ihr bei Suhrkamp "Warum Liebe weh tut". Illouz schreibt zudem regelmäßig Kolumnen und Essays, in denen sie sich mit der Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts und seinen Folgen für ihre eigene Gesellschaft beschaftigt.

SPIEGEL: Warum befürworten so viele Israelis diesen Krieg im Gaza-Streifen, in dem schon Hunderte Kinder gestorben sind?

Illouz: Wir Israelis haben eine schizophrene Selbstwahrnehmung. Wir kultivieren ständig die eigene Stärke, hören aber zugleich nicht auf, uns als schwach und bedroht wahrzunehmen. Immer geht es um unsere Sicherheit, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik. Und viele Israelis sehen den Gaza-Streifen eben vor allem als Bastion des Terrors, weil er die Heimat der Radikalislamisten von der Hamas ist. Es ist schwierig, Mitleid mit denen zu empfinden, die einen bedrohen.

SPIEGEL: Liegt das auch daran, dass die Gesellschaft zunehmend militaristisch ist?

Illouz: Israel ist beides zugleich: eine militärische Kolonialmacht, aber auch eine Demokratie. Die Armee kontrolliert die Palästinenser mit Hilfe von Checkpoints und Militärgerichten; für sie gilt ein anderes Recht als für Israelis. Die Armee entscheidet, ob ein Palästinenser eine Arbeitsgenehmigung bekommt oder sein Haus zerstört wird. Und auch die israelische Zivilgesellschaft ist militarisiert, aus fast jeder Familie ist jemand in der Armee.

SPIEGEL: Es scheint in diesem Krieg, als hatte Israel bei seiner Selbstverteidigung das Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren.

Illouz: Ich glaube, viele Israelis haben etwas verloren, was ich "humanitäre Sensibilität" nennen möchte. Die Fähigkeit, sich in das Leiden des anderen hineinzuversetzen. Die Sichtweise der Israelis auf ihre Nachbarn hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Jetzt sehen wir die Palästinenser fast ausschließlich als "Terroristen" , ohne Gesicht und ohne Namen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Illouz: Früher waren Palästinenser Teil des israelischen Alltags, sie konnten sich frei im Land bewegen. Doch dann wurde die Mauer gebaut, die Straßen zum Westjordanland wurden gesperrt, es gab immer weniger Arbeitsgenehmigungen für Palästinenser. Innerhalb kurzer Zeit verschwanden sie aus der israelischen Gesellschaft. Die Selbstmordattentate der zweiten Intifada besiegelten diesen Prozess. Gleichzeitig änderte sich auch der Charakter unserer Führung: Die messianische Rechte, früher ein Randphänomen, wurde

mächtiger. Die Radikalen sitzen im Parlament, sie kontrollieren den Staatshaushalt, sie bestimmen den Diskurs. Viele Israelis begreifen gar nicht, wie extrem diese Leute sind, denn sie verbrämen ihre Radikalität mit Begriffen wie "jüdisch" und "patriotisch".

SPIEGEL: Warum sind die Rechten gerade jetzt so stark, obwohl es doch deutlich weniger Terroranschlage gibt als früher?

Illouz: Ganze Generationen von Israelis kennen nichts anderes als die Besatzung, die Zahl der Siedler wachst, und viele von ihnen sind sehr ideologisch. Die Siedlungen werden systematisch gefördert, durch Steuerbefreiungen, niedrige Mieten oder den Bau von Infrastruktur, die oft besser ist als im israelischen Kernland. Auch die Erziehung und der Unterricht sind sowohl religiöser als auch nationalistischer geworden. Wir müssen uns heute zwischen einem liberalen Dasein und einem strengen "Jüdischsein" entscheiden. In den Sechzigerjahren konnte man noch beides zugleich sein, Zionist und Sozialist. Heute ist das nicht mehr möglich. Aber eine große Rolle kommt auch der jüdischen Diaspora zu, vor allem in den USA. Sie kauft Tageszeitungen und bezahlt Thinktanks oder religiöse Einrichtungen, die ihre rechtsnationalen Einstellungen verbreiten.

SPIEGEL: Wird Israel von den Juden in der Diaspora anders gesehen als von den jüdischen Israelis im Land?

Illouz: Die Wahrnehmung der Juden in der Diaspora wird durch die Erinnerung an den Holocaust geformt. Manchmal erleben die Juden dort antisemitische Übergriffe und wollen ihre jüdische Identitat starken, indem sie sich "proisraelisch" zeigen. Sie leben allerdings zumeist in Ländern, in denen die demokratischen Rechte gesichert sind und verstehen die Schwierigkeiten von uns Israelis nicht, die die demokratische Komponente in diesem Land mehr und mehr verschwinden sehen.

SPIEGEL: Was passiert, wenn demokratische Prinzipien weiter erodieren?

Illouz: vor anderthalb Jahren haben in einer Umfrage der Zeitung Haaretz etwa 40 Prozent der Israelis angegeben, dass sie darüber nachdenken, das Land zu verlassen. Der Staat kaschiert die Zahl der Abwanderer, aber ich habe noch nie so viele Menschen getroffen wie jetzt, die sich derart befremdet über ihr Land äußern. Säkulare Tel Aviver haben heute mit ihren religiösen Landsleuten in Jerusalem weniger gemein als mit jemandem aus Berlin.

SPIEGEL: Sie beschreiben ein ängstliches, verunsichertes Land.

Illouz: Die Angst ist tief verwurzelt in unserer Gesellschaft. Angst vor der Schoah, Angst vor Antisemitismus, Angst vor dem Islam, Angst vor Terror, Angst vor Auslöschung. Egal wie stark oder wie wohlhabend Israel ist, diese Angst ist immer da.

SPIEGEL: Diese unterschiedliche Wahrnehmung der Bedrohung und des Konflikts ist problematisch. Wahrend sich Israel als Opfer begreift, sieht die Welt es zunehmend als gewalttätige Besatzungsmacht.

Illouz: Stellen Sie sich vor, Sie waren als Madchen von einem brutalen Vater erzogen worden. Dann würden Sie später jedem Mann misstrauen. Wenn Sie für längere Zeit in einem friedlichen Umfeld leben, wird Ihr Misstrauen irgendwann nachlassen. Wenn Sie aber in einer unruhigen Umgebung zu Hause sind, wo jederzeit alles passieren kann, wird es bald zur Obsession. Sie werden dann nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Das ist das historische Trauma des jüdischen Bewusstseins: Israelis können die echte Gefahr von der eingebildeten nicht mehr unterscheiden.

SPIEGEL: Rechtfertigt diese Angst ein brutales Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung, so wie jetzt im Gaza-Streifen?

Illouz: Natürlich nicht. Aber weil die israelische Psyche kennen will, muss von dieser Angst wissen. Jetzt allerdings werden diese Ängste von Politikern wie Premier Benjamin Netanjahu zynisch instrumentalisiert. Sie machen uns glauben, alle wollten uns zerstören: die Hamas, die UNO, Iran. Das ist der Filter, durch den der durchschnittliche Israeli den Konflikt mit der Hamas betrachtet. Der Feind, der Palästinenser, wird "entmenschlicht", er ist schlicht Terrorist. Er schickt seine Kinder in den Krieg und baut mit seinem Geld lieber Angriffstunnel als Schulen. Israel dagegen sieht sich als moralisch überlegen an, weil die Armee zur Warnung SMS verschickt und Flugblätter abwirft, bevor sie Ziele bombardiert.

SPIEGEL: Trotzdem sterben in Gaza vor allem Zivilisten, es werden Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser bombardiert.

Illouz: Für die Israelis zählt die Intention. Wir sind fest überzeugt von unserer moralischen Überlegenheit, davon, in diesem Konflikt der Gute zu sein.

SPIEGEL: Neu ist der Hass im Land, der mit diesem Krieg sichtbar wird. Er zielt nicht nur auf die Palästinenser, sondern auch auf Teile der jüdischen Gesellschaft.

Illouz: Es ist besorgniserregend, wie sich der Ton verändert hat. Rabbis und Abgeordnete hetzen offen gegen Araber. Ein Tabu wurde gebrochen, weil mittlerweile ganze Generationen ultranationalistisch erzogen sind. Ich glaube nicht, dass dieser Hass in Israel größer ist als anderswo, auch in Frankreich und Deutschland gibt es Rassisten. Aber als in Paris Palästinenser durch die Straßen zogen und "Tod den Juden" riefen, hat Premier Manuel Valls das verurteilt und gezeigt, dass so etwas nicht geduldet wird. Letzteres würde hier nicht passieren. Unserer Gesellschaft fehlt eine Führung, die moralische Normen setzt.

SPIEGEL: Wie erklären Sie dies en Gegensatz, einerseits diesen Hass und andererseits die Tatsache, dass Israel seine liberalen Werte stets so betont?

Illouz: Israel startete als moderne Nation mit demokratischen Institutionen. Gleichzeitig hat es allerdings auch antimoderne Einrichtungen vorangetrieben, um den jüdischen Charakter dieser Demokratie zu sichern. Es hat dem Rabbinat viel Macht übertragen und die Ungleichheit zwischen der jüdischen Mehrheit und der nichtjüdischen Minderheit institutionalisiert.

SPIEGEL: Überlagert der jüdische den demokratischen Charakter des Staats?

Illouz: Absolut, ja. Das Jüdische hat die Demokratie mit ihren universellen Werten in Geiselhaft genommen. In Schulbüchern findet sich vornehmlich die jüdische Perspektive, und das Innenministerium will Immigranten loswerden, aus Angst vor Mischehen. Über Menschenrechte wird mittlerweile verächtlich gesprochen.

SPIEGEL: Das klingt recht düster.

Illouz: Die einzige Antwort darauf wäre der Zusammenschluss derer, die die Demokratie verteidigen wollen. Denn es geht nicht mehr allein um rechts oder links, sondern um etwas viel Wichtigeres: um den Erhalt der Demokratie in Israel. Denn die Radikalen schämen sich nicht mehr, ihre Ansichten laut zu verbreiten und Andersgesinnte zu bedrohen. Dabei bedeuten diese rassistischen und faschistischen Elemente eine genauso große Gefahr für Israels Sicherheit wie seine äußeren Feinde.

SPIEGEL: Auch Gegner Israels argumentieren, das Land sei nicht demokratisch. Stören Sie diese Angriffe von außen manchmal?

Illouz: Trotz all meiner Kritik und meiner Aversion gegen die israelische Arroganz bin ich schon oft verblüfft, dass an Israel immer besondere Maßstäbe angelegt werden. Was passiert denn in Syrien, im Irak oder in Nigeria? Warum demonstrieren die Menschen nicht auch dagegen? Selbst die USA haben eine recht verheerende Menschenrechtsbilanz außerhalb der eigenen Grenzen vorzuweisen. Wo sind all die Intellektuellen, die die USA boykottieren?

SPIEGEL: Befürworten Sie denn den Militäreinsatz im Gaza-Streifen?

Illouz: Nein, das tue ich nicht. Nicht etwa, weil ich Pazifistin wäre - das bin ich nicht. Manchmal muss man militärische Mittel anwenden. Aber ich bin gegen diese Operation, weil es vorher keinen politischen Prozess gab. Netanjahu hat kein Interesse an einer politischen Einigung. Er hat Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geschadet, wo er nur konnte. Ich persönlich weigere mich, die Palästinenser als Feinde zu sehen. Ich lehne es ab, sie weiter zu dominieren, und ich lehne es ab, ihnen ein normales Leben zu verweigern. Israel war nie als Siedlungsunternehmen gedacht; das zionistische Vorhaben wurde total verzerrt. Ein Großteil der Israelis glaubt inzwischen, wir konnten die Palästinenser auf lange Sicht kontrollieren und unterdrücken.

SPIEGEL: Ist das die Folge von 47 Jahren Besatzung: dieses Gefühl, keine Zugeständnisse mehr machen zu müssen?

Illouz: Ja, aber wir Israelis zahlen einen hohen Preis dafür, ohne es zu merken: Wir wissen nicht mehr, wie es sich anfühlt, in einer friedlichen Gesellschaft zu leben. Wir weigern uns, die Verbindung zu sehen zwischen einem immer schwerer aufrechtzuerhaltenden Lebensstandard und dem Besatzungsregime, das einen Löwenanteil der Steuergelder verschlingt. In der Psychologie bezeichnet man das als kognitive Dissonanz. Ein Großteil der israelischen Gesellschaft ist abgestumpft. Nicht nur gegenüber dem Leid der anderen, auch gegenüber dem eigenen Leiden.

Interview: Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 32/2014, AUSLAND Seite 84-86

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