Wachstumsdikussion

Entwurf-Brief vom 28.2.2006 an Herrn Bundesrat Joseph Deiss

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Entwurf-Brief
  Herrn Bundesrat
Joseph Deiss
Bundeshaus
3003 Bern

Genf, 28 Februar 2006

Meine Briefe vom 16.4.05 und 13.12.05 in Sachen Nachhaltigkeit und Vorsorge

Sehr geehrter Herr Bundesrat Deiss,

In meinen obenerwähnten Briefen, sowie in unserer persönlichen Begegnung Mitte 2005 in Genf hatte ich Sie gebeten, den Grundsatz der Wachstumspolitik zu überdenken.

Nun möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass wirtschaftliches Wachstum unausweichlich mit höherem Verbrauch an Ressourcen - unseren Lebensgrundlagen - verbunden ist. Artikel Art. 2 Zweck, Glied 2, der schweizerischen Bundesverfassung legt aber klar fest: „Sie fördert …, die nachhaltige Entwicklung…“ Artikel 73 Nachhaltigkeit besagt: „Bund und Kantone streben ein auf Dauer ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Erneuerungsfähigkeit einerseits und ihrer Beanspruchung durch den Menschen anderseits an“.

Die Verfassung macht keinen Unterschied zwischen „strenger“ und weniger strenger Nachhaltigkeit, wie Sie das in Ihrem Brief vom 17.4.2004 machen. Nachhaltigkeit bedeutet, dass man sehr lange, im Prinzip auf immer, so weiter fahren kann, wie man es gerade macht. Es ist eindeutig falsch, dass man auf einer beschränkten Fläche mit beschränkten Vorräten immer weiter wachsen kann, wie Sie schrieben.

Sowohl die Schweiz als auch unsere Erde sind in ihren Vorräten begrenzt und wegen des Wachstums werden die Ressourcen immer schneller und unwiederbringlich erschöpft, eine vermehrte Nutzung erneuerbarer Ressourcen braucht noch Forschungsanstrengungen, Investitionen und Zeit. In der Schweiz sind die erneuerbaren Energieträger (Wasserkraft) weitgehend ausgeschöpft, weltweit werden sie rasch an ihre Grenzen stossen. Eine allein nach wirtschaftlichen Kriterien gemessene Wachstumspolitik führt damit unweigerlich zu Knappheit, steigenden Preisen (kürzliche Beispiele sind die Erdöl-, Gas- und Stahlpreise), schlussendlich also zu weniger Lebensqualität. Gleichzeitig nimmt die Umweltbelastverschmutzung weiter zu (unter anderem Treibhausgase) mit weitreichenden Folgen für unsere Lebensgrundlagen. Auch andere Umweltgegebenheiten werden immer problematischer, wie zum Beispiel Artenvielfalt, Erosion von Landwirtschaftlichen Flächen, Süsswasservorräte, u.s.w..

Ich erlaube mir, nochmals nachdrücklich darauf hinzuweisen, was aller bisherigen Erfahrung entspricht, nämlich dass jeder Franken Wirtschaftswachstum zwingend einen Mehrverbrauch an nicht-erneuerbaren Rohstoffen und Energie zu Folge hat. Immaterielles Wachstum ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Bericht „UMWELT-MATERIALIEN NR. 198 Ökonomie Wachstum und Umweltbelastung: Findet eine Entkopplung statt?“ vom Buwal bestätigt, dass die erhoffte Entkoppelung in den wichtigsten Bereichen Raumplanung, Energie- und Rohstoffverbrauch nicht

./..

Herrn Bundesrat Deiss (Entwurf-Brief)                           28.2.2006 - Seite 2/2

stattfindet*. Im Gegenteil, wir verbrauchen immer mehr. Deswegen steht der Beschluss des Bundesrats vom Dezember 2005 in Sachen eines neuen Fonds für den weiteren Ausbau der Strassen und der Bahnen auch in klarem Widerspruch zum Gebot der Nachhaltigkeit. Man kann es auch so formulieren: In einer begrenzten Welt ist die Wachstumspolitik eine gesellschaftliche Selbstmordpolitik.

Ihre Gedankengänge scheinen davon auszugehen, dass man noch lange Zeit hat. Dem ist jedoch keinesfalls so. Nachhaltigkeitswissenschaftler wissen, dass die Situation äusserst ernst und dringend ist, gerade weil jede heute getroffene Massnahme erst sehr langfristig Auswirkungen zeigt. Während es bereits seit 4000 Generationen Menschen unserer Art gibt, stehen Kriege um die entschwindenden Ressourcen so zu sagen direkt vor unserer Türe. Kriege um Öl, Wasser oder auch Land scheinen dabei am wahrscheinlichsten, vielleicht sogar innert einiger Jahrzehnte. Gemäss den heutigen Trends und Prognosen, gehen uns Öl und Gas innert einiger Jahrzehnte aus und einen Ersatz gibt es schlichtweg nicht. Bioenergie, Wasserstoff, Kernfusion, und weitere sind entweder nur in kleinem Umfang oder gar nicht realisierbar und können die flüssigen und gasförmigen Energieträger nicht ersetzen.

Ein wesentlicher Beitrag zur Lösung kann meines Erachtens in einer Relokalisierung der Arbeit und des Konsums gefunden werden. Wenn der kommende Energienotstand und die Folgen des unaufhaltbaren Klimawandels die Verkehrsflüsse und Transporte unterbrechen, werden wir froh sein, rechtzeitig unsere Wirtschaftsstrukturen relokalisiert zu haben. Wir werden alle Hände voll zu tun haben, den Schaden in Grenzen zu halten und zu beheben.

Die Welt und die Schweiz werden nur auf einem weit tieferen Verbrauchsniveau überleben können.

Als Psychologe weiss ich, dass es enormen Mut braucht, seine eigene Lehrmeinungen und sogar den eigenen Lebensinhalt zu überdenken. Aber an der Annahme physischer Realitäten führt nur die Verdrängung vorbei. Sie laden, sehr geehrter Herr Bundesrat Deiss, eine enorme Verantwortung auf sich - eine Verantwortung, die sie nicht werden einlösen können - wenn Sie die Wachstumspolitik weiterhin fördern. Ich hoffe deshalb, dass sie bereit sein werden, Ihre Positionen zu überdenken. Für einen weiteren Gedankenaustausch – insbesondere wenn es um konkrete Massnahmen geht - stehe ich gerne zu Ihrer Verfügung.

Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre erneute Aufmerksamkeit und Ihre Rückäusserung.

Mit freundlichen Grüssen,

Helmut E. Lubbers

* siehe http://www.ecoglobe.ch/economics/d/entk5d25.htm

cc: Webseite www.ecoglobe.ch/politics/d/deis6228.htm


Dieser Brief wurde mit der nachfolgenden Email verschickt:

Von: h.lubbers (at) bluewin.ch
An: reinhard (at)christeller.net
Cc: joseph.deiss (at) gs-evd.admin.ch, helmut (at) ecoglobe.ch
Betreff: DEISS Brief zum Dritten (ich war vorhin etwas in der Eile, sorry)
Gesendet: Tue, 28 Feb 2006 18:58:25 +0100

Lieber Reinhard,

Hier ist mein Brief an Herrn Bundesrat Deiss nochmals.

Ich habe einige Schreibfehler rausgeholt. Aber der Brief ist mir nach wie vor zu lange. Spätestens nach dem dritten Absatz schweift ein Leser ab und denkt: "Alles schon mal gehört und überhaupt, was wissen die Ökologen schon?"

Und wie gesagt, ich bin keinesfalls überzeugt, dass Herr Deiss überhaupt Anstoss daran nehmen wird. Ich denke eher, er wird den Brief einfach ablegen und die Sache weiter verdrängen.

Er ist ja als Professor wahrscheinlich felsenfest von der Richtigkeit seiner Theorien überzeugt und in seiner Ideologie und Theorie sanft eingebettet. Somit ist er wahrscheinlich gar nicht mehr in der Lage, weder Willens, seine Theorien zu überdenken und mit jemandem ernsthaft daüber zu diskutieren.

Vornehm geht die Welt zu Grunde!

Gruss ... Helmut

Kopie an: Herrn Bundesrat Joseph Deiss, Bern; joseph.deiss@gs-evd.admin.ch

Helmut Lubbers - Bd. Carl-Vogt 14 - CH-1205 Geneve - Schweiz/Suisse
Helmut@ecoglobe.ch +41 22 3212320 http://ecoglobe.ch http://ecoglobe.org

deis6228.doc (35.9 KB)


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