ecostory 1-2007
Von der Betroffenheit zum Handeln oder zur Resignation?

...... | (zurück - retour)

"Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt"

Das besagte ein Riesengrosser Aukleber auf dem Kofferdecker eines Autos, das mich mal mitnahm, vor vielen, vielen Jahren. Den Gegnern des Ausbaus der Startbahn West Frankfurt erging es 1981 teils wie bei den Nazis. Lesen Sie selber.

Vielleicht machst du zwar einmal irgendwo mit, aber ohne Betroffenheit bleibt es bei einer belanglosen Mitwirkung. Betroffenheit fragt nach den Ursachen. Nur Betroffenheit führt zu einem anderen Bewusstsein. Und nur das andere Bewusstsein führt zu einem anderen Verhalten. Darum bringen auch all die Rezeptbücher, alle Öko-Knigges nichts, darum verändern auch all die Öko-Institute und Alternativ-Zentren nichts, darum sind auch alle die <Zukunftswerkstätten> zur Erfolgslosigkeit verurteilt.

Ich kann nicht beim Verhalten oder auch nur bei der Vorstellung, wie es anders sein könnte, ansetzen, und dann glauben, die Einstellung zum Mitmenschen und zur Umwelt verändere sich. Nein, die Einstellung, das Bewusstsein, muss sich ändern, und dazu braucht es persönliche Betroffenheit - und daraus ergibt sich das veränderte Verhalten.

Am Beispiel der <Zukunftswerkstatt>: Nicht die möglichen neuen Lösungen sind das Wichtigste, auch nicht die Formulierung dessen, was nicht stimmt. Das Entscheidende sind die Ursachen eines bestimmten Zustandes. Sonst setze ich bei Symptomen an. Deshalb funktionieren <Zukunftswerkstätten> nur bei Leuten, die irgendwie bereits <betroffen> sind, nicht aber bei konservativen Politikern oder Technokraten oder Professoren.

Am stärksten wirst du betroffen durch persönliche Erlebnisse, durch unerwartete Ereignisse, die dir plötzlich die Augen öffnen: so nicht weiter!

Fast alle Bauern, die von chemischer auf natürliche Landwirtschaft umgestellt haben, taten dies nicht etwa aus religiöser Überzeugung oder aus vernunftmässiger Einsicht, sondern weil sie in der Familie oder auf dem Hof durch persönliche Erlebnisse betroffen wurden. Das Erlebnis kann ganz anderer Natur sein: «Tränengas ist der dritte Bildungsweg», wie es ein <Autonomer> sagte.


«Auf den Gundwiesen ... das war das schlimmste, was ich je erlebte. Ich stand daneben und habe gesehen, wie die Polizei das ältere Ehepaar zusammenschlug.
Zivis trieben die Leute mit Holzknüppeln bis an den Bach. Der Hubschrauber im Tiefflug dicht über unseren Köpfen. Am selben Tag sah ich, wie Polizisten einen jungen Mann - der keinen Helm trug - vom Motorrad herunterrissen. Sie schlugen ihn auf den Kopf, ins Genick, dann in die Nieren. Einer trat ihn in die Kniekehlen, so dass er zusammensackte ... und dann ging einer hin und trat ihn mit dem Stiefel mitten ins Gesicht.
Als mein Sohn das gesehen hatte, musste er sich übergeben. Dabei kam mir in den Sinn, was mein Mann mir erzählt hatte - vom Krieg: Als er den ersten Toten sah, hat er sich - er war ja damals kaum älter als mein Sohn - erbrechen müssen. In dem Moment ... ist in mir etwas zerrissen und wird nie wieder heilen.»

Es ist das Erlebnis einer Hausfrau und Mutter, die sich gegen die Zerstörung ihrer Heimat durch die Startbahn-West in Frankfurt zur Wehr zu setzen versuchte.

Eine andere Frau schilderte mir ihren Aufschrei, als sie sah, wie die angeblich demokratische Staatsmacht plötzlich Panzer gegen sie einsetzte, ihre Lähmung, als Panzerwagen auf sie losfuhren: «Das kann, das darf doch nicht wahr sein!» Es ist die übliche Reaktion naiver, unverdorbener Menschen auf die erste konkrete Begegnung mit der Macht: ungläubiges Staunen - Lähmung - Angst. Und was dann? Führt Angst zu Resignation, oder wird aus Angst Wut und Betroffenheit?

Der Verfasser des obigen Textes (1990) wurde 1979 als Direktor einer bekannten schweizerischen Instituts entlassen, nachdem er sich allzu offen gegen die Politik der Herrschenden im Lande ausgesprochen hatte.
Der Fotograf Klaus Malorny sagte 20 Jahre später in einem Fragegespräch zu weiteren Ausbauplänen:
    «Ich kann mir nicht vorstellen, was bei diesem Konflikt eine Mediation soll. Es gibt schwanger oder nicht schwanger, eine neue Landebahn oder eben keine. Entweder wird das Ding gebaut, und dann geht das gegen unseren Willen, oder es wird nicht gebaut, und dann geht es gegen den Willen der Betreiber. Die Betreiber haben eine ungeheure Macht, schon allein bei der Frage des Gewaltmonopols und all dieser Dinge. Die werden das, wenn sie es darauf anlegen, immer durchsetzen können.

    Es muß von vornherein klar sein, daž wir nur ein historisch notwendiges Nein einbringen. Aber das wird mit größter Wahrscheinlichkeit nicht viel nutzen. Wer das nicht sieht, handelt sich einen Haufen Frust ein. (»Historisch notwendiges Nein einbringen«)
Eine gesunde Portion Realismus spricht aus diesen Worten. Oder ist es die Aufgabe, die Resignation? "Ohne Lösung hast du kein Problem", sagt mir ein Freund, der als Vermögensverwalter bei einer Grossbank arbeitet. Das ist die gleiche Philosophie. Denn man kann schlecht sagen, dass es für alles eine Lösung gibt.

Muss man also resignieren? Handeln oder Resignation? Die Umweltzukunft sieht nicht gut aus. Wer die Zeichen wahrnimmt, könnte verzweifen ob des gewaltigen Ausmasses der Probleme.

Wir werden dennoch weiterfahren und vermehrt jene Entwicklungen und Politik aufzeigen, die zur weiteren Zerstörung unserer Lebensgrundlagen beitragen. Es ist dies keine lustige Aufgabe aber wir meinen, dass man den verkürzten Denkweisen etwas entgegensetzen muss.

Denn, wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!

Helmut Lubbers, zu Beginn des Jahres 2007



Quelle des Pestalozzi-Textauszuges Wir stiessen auf die Flughafengeschichte nach dem Lesen des Buches "Nach uns die Zukunft, aus 1979. Hans A. Pestalozzi starb 2004, einsam.
Thomas Klein schrieb folgendes über die Startbahnproteste: "»Bürgerkriegsähnliche Zustände« herrschten in den 80ern nach Ansicht bürgerlicher Medien am Zaun des Flughafens Frankfurt/Main, wo gegen den Bau der Startbahn West demonstriert wurde. Immer wieder kam es zu sehr harten Konfrontationen zwischen der Staatsmacht und Demonstranten. Die Startbahn-Bewegung galt aufgrund ihrer Verankerung in der Bevölkerung der Region, aber auch wegen ihrer Entschlossenheit nicht wenigen als Beispiel für konsequentes politisches Engagement. Die Startbahn wurde letztlich gebaut, doch die Geschichte geht weiter. Nach dem Willen der hessischen Landesregierung und der Fraport AG soll in den nächsten Jahren eine weitere Piste entstehen. Dagegen wehren sich mittlerweile wieder zahlreiche Bürgerinitiativen." (»Historisch notwendiges Nein einbringen«)
An anderer Stelle liesst man:
"Krawalle wegen Startbahn West"
"Die Planungen für die neue Startbahn zogen sich über Jahrzehnte hin. Nach einem Gerichtsurteil 1980 begann man mit den Bauarbeiten. Zehntausende protestierten gegen die neue, so genannte Startbahn West. Der Protest zog sich quer durch alle Bevölkerungsschichten."
╩ "Hüttendörfer wurden errichtet, die aber nach und nach von der Polizei mit Gewalt geräumt werden. Sogar zu Toten kam es, aber erst nach der Eröffnung der Startbahn im Jahr 1984. Anlässlich des Jahrestages der Räumung der Hüttendörfer 1987 wurden zwei Polizisten erschossen. Der Täter wurde gefasst und verurteilt." (www.wasistwas.de)

home | a-z site map | ecostory | Rückmeldung
zurück - retour - backréalité ecoglobe seit 1997
7106