ecostory 2-2007
Die Hoffnungen des KOF Zürich (und anderer)

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Emailwechsel mit der KOF - Konjunkturforschungsstelle der ETH, Zürich vom Januar 2007

Betreff: Anlass zu Hoffnung

Sehr geehrter Herr ...,

In Cash lese ich, dass die Zahlen des Seco Anlass zu Hoffnung geben, wegen der zu erwartenden [guten] Wachstumsrate.

Ich möchte zu bedenken geben, dass die Schweiz eine Fläche von etwa 41000 km2 hat, die nicht wächst. Auch unser Planet Erde wächst nicht. Im Gegenteil. Die Erde wird verhältnismässig kleiner wegen der steigenden Bevölkerungszahl und wegen des zunehmenden Rohstoffverbrauchs per Person. Umweltentwicklungen erlauben die Schlussfolgerung, dass wir die Ressourcen der Erde überbeansprüchen. Ein Wirtschaftswachstum führt zu einer Steigerung dieser ‹berbeansprüchung. Bitte bedenken Sie in diesem Zusammenhang, dass immaterielles Wachstum ein Ding der Unmöglichkeit ist. Hoffnung auf weiteres Wachstum bedeutet also nichts anderes als eine Verdrängung der physischen Tatsache, dass die Erde rund und endlich ist. Wachstum als politisches Ziel bedeutet also im Grunde nichts anderes als geplanter gesellschaftlicher Selbstmord. Wenn die letzten nicht-erneuerbaren Grundstoffe aufgebraucht sein werden und mit den Folgen des Klimawandels zusammentreffen, werden die Gesellschaften, auch die unsrige, in Chaos und Endkriegen zusammenbrechen.

Warum, sehr geehrter Herr ..., können die Ökonomen nicht anerkennen, dass es Grenzen gibt und wir nicht dauernd weiterwachsen können?

Ihre Antwort interessiert mich sehr.

Mit freundlichen Grüssen,

Helmut Lubbers
ecological psychologist MSocSc BE DipEcol


Antwortmail: Date: Thu, 4 Jan 2007 13:51:13 +0100 [ 4 Jan 2007 13:51 CET] From: ... <...@kof.ethz.ch>
To: helmut ecoglobe ch
Subject: AW: Anlass zu Hoffnung

Sehr geehrter Herr Lubbers,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Es ist für Sie bestimmt nichts Neues, dass in der Wirtschaftswissenschaft (pro Kopf-) Wachstum generell als positiv beurteilt wird. Dahinter steht die Prämisse des sog. ökonomischen Prinzips, demzufolge mit einem gegebenen Mitteleinsatz das maximale Resultat zu erreichen ist (Maximumprinzip). Alles andere wäre Verschwendung von Kraft und gilt in der VWL als irrational. Wenn mit einem gegebenen Ressourceneinsatz nächstes Jahr ein höheres Bruttoinlandprodukt (BIP) erwirtschaftet werden kann, ist dies als Effizienzverbesserung zu werten. Ausserdem steigt der materielle Wohlstand, was positiv ist. Allerdings trifft es zu, dass im Konzept des BIP ökologische Aspekte nicht ausreichend zur Geltung kommen.
Die von Ihnen formulierte Position hat in der VWL mittlerweile an Kredit eingebüsst, seit die im Club of Rome-Bericht zu den "Grenzen des Wachstums" formulierten Szenarien offensichtlich an der Realität vorbeigingen. Ausserdem glauben die meisten Ökonomen an die Fähigkeit des Markt-Preis-Mechanismus, Knappheitssituationen effizient zu begegnen. Beispielsweise dürfte die Verknappung fossiler Energieträger zu einem Preisanstieg führen, wodurch alternative Energien konkurrenzfähig würden. Auch hinsichtlich der demographischen Entwicklung ist die Mehrheit der Zunft optimistischer als Sie. Argumentiert wird, dass die Globalisierung zu einer Steigerung des Wohlstands in den Schwellenländern führt und dass diese die demographischen Entwicklung der Industrieländer (Geburtenrückgang) nachvollziehen würden. Ich glaube zwar nicht, dass Sie diese Argumente überzeugend finden, aber das ist so in etwa die Mehrheitsmeinung in der Ökonomie.

Mit freundlichen Grüssen,
...
__________
Dr. ...
Senior Researcher
ETH Zurich
KOF - Swiss Institute for Business Cycle Research
WEH E 7
Weinbergstrasse 35
8092 Zurich, Switzerland


Worauf wir antworteten:


Sehr geehrter Herr ...,

ich danke sehr für Ihre Reaktion.

Ihren Überlegungen zum sog. ökonomischen Prinzip zufolge setzen sie Wachstum mit Effizienzsteigerung gleich. Das ist eine unrichtige Umdefinierung weil
1. Wachstum in BIP Geldeinheiten gemessen wird und sonst nichts und
2. wenn eine Effizienzsteigerung stattfindet, dies zu einer Senkung des BIPs führt weil in dem Fall eben weniger Material bzw. Aufwand für eine Produktion nötig ist.

Ökologische Aspekte kommen im BIP nicht "ungenügend" sondern fast gar nicht zur Geltung. "Internalisierung externer Kosten" z.B. ist weitgehend Wunschdenken.

"Die von Ihnen formulierte Position hat in der VWL mittlerweile an Kredit eingebüsst" schreiben Sie. Dem muss ich entgegenhalten, dass

1. meine Position harten physischen Tatsachen entspricht,

2. die VWL diesen Tatsachen noch nie Beachtung geschenkt hat und dies immer noch nicht macht, eben weil die Lehre der Ökonomie immer (noch) das materielle Wachstum als oberstes Ziel postuliert und die Endlichkeit der Erde und der Rohstoffe negiert.

3. der Bericht des Club of Rom aus 1972 mit Verlaub ein alter Hut ist. Seitdem veröffentlichten die Verfasser 1993 "Die neuen Grenzen des Wachstums", worin sie gewisse Fehler in ihrem Bericht eingestanden, und einen weiteren Bericht 2005. Grenzen des Wachstums ist wohl eines der meistgehassten Bücher bei den Ökonomen, eben weil es die Endlichkeit der Erde hervorhebt und sich dem Wachstumsglauben der Ökonomen diametral entgegenstellt. In fast allen Diskussionen, die ich mit Ökonomen in den letzten zwanzig Jahren geführt habe, wird mir dieser Bericht aus 1972 entgegengehalten, so alsob seitdem nichts passiert wäre. Zuletzt noch Ende Dezember vom sehr geehrten Herrn Martin Wolf des Wolfforums der FT.com.

4. dass gewisse Mineralien grössere (abbaubare) Vorräte aufweisen, als man Anfang der siebziger Jahre meinte, ändert nichts an der Tatsache, dass die Rohstoffe endlich sind. Geologen sagen heute Peak Oil voraus, wobei es wiederum nicht so wichtig ist, ob der Förderknick heute oder in zehn Jahren stattfindet. Wir täten besser daran, uns darauf mit Einschränkungen vorzubereiten als nur um des Wohlstands willen, weiterzuwachsen. Denn Wohlstandsteigerung mag, wie auch Sie meinen, als anstrebbares Ziel aufgefasst werden. Aber es widerspricht dem Prinzip der Vorsorge und es erhöht den Ressourcenverbrauch. Des weiteren gibt es ernsthafte Berichte von angesehenen Wissenschaftlern, die besagen, dass dieser materielle Wohlstand bereits seit vielen Jahren am Ziel vorbeigeschossen ist (Daly und Cobb, z.B.)(ISEW).

5. um so länger wir weiterwachsen, desto näher wir den Punkt kommen, dass uns die eine oder andere lebenswichtige Ressource ausgeht. Da stellt sich die Frage, ob es denn besser ist so lange wie möglich weiterzuwachsen oder ob wir besser etwas früher anhalten. Dabei sind die Umweltzeichen derart, dass man sagen muss, dass das Wachstum der Menscheit und das Prokopfverbrauch die Tragfähigkeit der Erde schon bei weitem überschritten haben. Man darf annehmen, Herr ..., dass Sie auch von den immerfort steigenden Problemen Kenntnis nehmen. Die Probleme sind allesamt auf die zu grosse Expansion der Menschheit und deren Umweltverbrauch zurückzuführen. Ich verweise hier auf Kapitel 11 des Buches "Overshoot", das Sie auf meiner Seite http://ecoglobe.ch/ overshoot finden.

Der Glaube der meisten Ökonomen an die Wirkung des Markt-Preismechanismus ist mir ebenfalls wohlbekannt. Allerdings handelt es sich hier indertat um einen blossen Glauben. In der Wirtschaft sind die Zielsetzungen fast universell nur finanziell und die Fristen immer kürzer und die Gewinnmaximierungsziele immer grösser. Der Horizont ist maximal fünf Jahre. Der Glaube der Ökonomen wird von der Wirklichkeit gelügenstraft. Auch das Zinssystem, das unsere Gesellschaft praktiziert, trägt bekanntlich dazu bei, dass die Gegenwart höher bewertet wird als die Zukunft. Genau das jedoch, diese Höherbewertung der Gegenwart und Zukunftsdiskontierung, werden unsere Kinder uns kaum vergeben, wenn sie mit den Wirklichkeiten der kombinierten Effekte des Klimawandels und Rohstoffknappheiten fertigwerden müssen. Und auch wenn man davon nicht hundert Prozent sicher sein kann, so gebietet doch das Vorsorgeprinzip (precautionary principle), dass wir damit rechnen. Wenn's dann nicht eintreffen würde, umso besser, wir könnten aufatmen und hätten uns nichts vorzuwerfen. Mittlerweile nehmen die Treibhausgasemissionen und der Resourcenabbau trotz aller schönen Wörter zu statt ab.

Alternative Energien können Gas und Öl nicht ersetzen, weder mengenmässig noch in technischer Hinsicht. Andere Meinungen müsste man mit Zahlen belegen und mit Technologien, die frei sind von Konditionalien wie "wenn" und Hoffnungen und Erwartungen. Auf eine detaillierte Darstellung verzichte ich hier aber Sie dürfen mir glauben, dass ich mich bestens auskenne und Wirklichkeit von Hoffnung zu unterscheiden weiss.

"Auch hinsichtlich der demographischen Entwicklung ist die Mehrheit der Zunft optimistischer als Sie," schreiben Sie. Ich habe mich über die Bevölkerungsentwicklung gar nicht ausgelassen. Nicht ich oder Ihre "Zunft" sondern die UNO erwarten etwa 8 Milliarden Menschen mindestens bevor vielleicht ein Abflachen auf Nullwachstum eintritt. Herr Klaus Leisinger der Novartisstiftung vertritt diese Theorie schon seit bald Jahrzehnten. Aktive Bevölkerungpolitik ist leider ein Tabuthema. "Zunft" ist übrigens ein Ausdruck, mit dem Sie treffend zum Ausdruck bringen, dass die Zunft sich gegen die Meinungen und Werte Aussenstehender abschirmt.

Wenn dass Welt-GNP zu hoch ist, das heisst wenn die Menschheit als ganze die Erde überbeanspricht, dann dürfen die BIPs der Entwicklungsländer nur steigen wenn wir bei uns überproportional mit unseren BIPs zurückfahren. Nur dann können wir unsere Belastung der Erde verringern und vielleicht zu einer Zustand der Nachhaltigkeit zurückfinden. Es besteht kein Recht auf Wachstum oder Wohlstand. Die Erde anerkennt nur harte physische Realitäten. In der Natur wurde und wird es immer wieder vorgelebt. Überbeansprüchung führt zur Reduktion und manchmal zum Aussterben einer Art. Danach geht das Leben weiter auf einer anderen Gleichgewichtsebene. Wir Menschen sind am Gipfel der Ernährungskette und wir wissen nicht, welches Kettenglied überlebenswichtig ist. Neulich wurde berichtet, dass der Klimawandel zum (dramatischen?) Rückgang des Meeresplanktons führe. Was das für Folgen hätte, können Sie sich ausmalen.

Ihre "Argumente" sind die Mehrheitsmeinung der Ökonomie, schreiben Sie zum Schluss und damit schliessen sich sich also dieser Meinung an.
Allerdings beantworten Sie die von mir gestellte Frage nicht, d.h. warum Sie nicht anerkennen können, dass die Erde rund ist und Wachstum also unweigerlich zur finalen Erschöpfung der Rohstoffe bzw. der Lebensgrundlagen der Menschheit führen muss.

Ist es die Disziplin Ihrer "Zunft", die es verbietet eigenständig zu denken, bzw. umzudenken?
Sind Ihnen die Tatsachen bewusst aber dermassen unheimlich, dass man sie verdrängen muss?
Meinen Sie etwa, dass die Szenarien nur so aus der Luft gegriffen sind und nicht auf sorgfältigem Studium ökologischer und ökonomischer Entwicklungen beruhen? Gibt es andere Gründe oder Ursachen?

Optimismus ist gut aber Realismus ist besser.

Ich habe Ihre Antwort geschätzt.

Ich begrüsse eine weitere Stellungnahme mit faktischen Argumenten.

Meistens wird an diesem Punkt die Diskussion jedoch abgebrochen, wahrscheinlich weil man etwas psychologisch fast unmögliches eingestehen müsste. Würden Sie Ihre eigene Tätigkeit in Frage stellen, wenn Sie anerkennen würden, das die Erde rund ist, die Schweiz nie wachsen kann und demnach irgendwann die Ressourcen erschöpft sein werden?

Ich grüsse Sie freundlichst,
Helmut E. Lubbers
ecological psychologist
BE MSocSc DipEcol
Weil ohne Antwort, haben wir am 18.1.07 mit einer Mail nachgefasst.
Daraufhin antwortete Herr ..., er breche die Diskussion ab, u.a. weil wir eine vorgefasste Meinung hätten und weil die Debatte "fruchtlos" wäre.
Brief an Herrn Prof. K. der Hochschule St Gallen vom 5.8.2006

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