Leben im Schwitzkasten

Von Matthias Schulz

Kühne Glaspaläste wachsen in den Städten empor. Eine neue Studie beweist: Transparente Turmbauten verschwenden Energie - vor allem ihr Bedarf an Kühlung ist horrend.
Swiss-Re-Haus in London
Swiss-Re-Haus in London

English summary français

Solche Solitäre, hell, fast schwebend, liegen im Trend. Über alle Klimazonen hinweg entwerfen Baukünstler transparente Nadeln, Flundern und Ellipsen. Norman Foster baute für die Versicherung Swiss Re in London einen Glasdildo, von den Briten "erotische Gurke" genannt. Hadi Teherani, dem Kunstblatt "Art" zufolge vielleicht der "Retter der deutschen Architektur", versucht sich sogar an durchsichtigen Dächern.

Mit Totengebirgen ohne Fenster, den Pyramiden, fing der Hochbau an. Jetzt ist es umgekehrt: Glas, Glas, Glas! Wohin das Auge blickt, beflügelt jene Schmelze aus Sand und Soda, die bereits vor 6000 Jahren in mesopotamischen Öfen kochte, die Phantasien der Architekten.

Denen geht es angeblich um mehr als nur Ästhetik: "Solarhäuser" nennen sie ihre Hochglanzgebilde, auch sei Glas wegen der Isolierkraft der Scheiben umweltfreundlich.

Die Wahrheit allerdings sieht anders aus. Messungen von Bauphysikern zeigen, dass transparente Bauten üble Schwitzkästen sind, die auf unverantwortliche Weise Strom verpulvern.

Vor allem eine Untersuchung des Darmstädter Instituts Wohnen und Umwelt sorgt für Aufregung. Insgesamt 24 moderne Glasfassadengebäude hat der Ingenieur Werner Eicke-Hennig untersucht und dabei, wie er sagt, "niederschmetternde" Zahlen ermittelt: "Der Primärenergieverbrauch lag zwischen 300 und 700 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/m2a). Das ist auf dem Niveau schlechter Altbauten."

Mit wummernden Klimaanlagen, Fahrstühlen und Beleuchtungssystemen sind die Tower ausgestattet. Bei der Commerzbank, laut Presse ein "Öko-Wolkenkratzer", veranschlagten schon die Planer einen Jahresverbrauch von 520 kWh/m2. Was das Bauwerk de facto an Energie verschlingt, mag die Bank nicht sagen.

Eicke-Hennig nennt die ermittelten Daten "horrend". Bürotürme mit klassischer Steinfassade kommen auf Energiewerte zwischen 100 und 150 kWh/m2a. Ragt das Haus weniger als 20 Meter in die Höhe, kann es natürlich belüftet werden, was den Verbrauch sogar auf 70 bis 90 kWh/m2a senkt. Fazit des Forschers: "Hier wird ein Irrweg beschritten."

Mit brisanten Zahlen rückt der Ingenieur ein Problem ins Blickfeld, das auch anderen Bauphysikern im Magen liegt. "Hochhäuser gelten als umweltfreundlich und sparsam", erklärt der Stuttgarter Professor Karl Gertis. "Doch das sind rabulistische Worthülsen."

Die Achillesferse ist vor allem das Zuviel an Licht. Ungehindert können die Sonnenstrahlen die durchsichtigen Fassaden durchqueren. Die Innenräume werden wie Treibhäuser aufgeheizt. Verschärfung erfährt der Effekt noch durch die internen Wärmelasten aus EDV, Haustechnik und Beleuchtung.

Wie schnell sich in einer Glas-Immobilie Wärme staut, konnte Eicke-Hennig mit - heimlich durchgeführten - Messungen beweisen. Im "Haus der Architekten" (Stuttgart) stieg das Thermometer an einem 34 Grad heißen Sommertag auf 47 Grad Celsius. "Verschattungselemente fehlen dort", erklärt er. In einer Glasellipse in Duisburg heizten sich die Südbüros selbst an wolkenfreien Wintertagen noch auf 25 Grad auf.

Nur wenn Klimaanlagen dagegenhalten, sind die Glaspaläste überhaupt bewohnbar. Das Arag-Hochhaus in Düsseldorf (Architekt: Lord Norman Foster) verfügt über ein Gebläse, das pro Stunde bis zu 600 000 Kubikmeter Luft ansaugt und in die Zimmer pumpt. Dabei entstehen regelrechte Winde.

Andere Bauherren verlegen sich auf Erdkanäle. Sie lassen unter dem Kellergeschoss bis zu 100 Meter tiefe Löcher bohren, in denen Flüssigkeit abgekühlt und hernach durch Rohre gepumpt wird, die in den Fußböden und Wänden eingelassen sind. Sogar das Anzapfen von Grundwasser haben einige Kommunen erlaubt.

Wie viel Strom diese Art von Zwangsklimatisierung frisst, mögen die Betreiber nicht verraten. Bei seiner Recherche stieß Eicke-Hennig auf eine Mauer des Schweigens.


Ökologische Horrorbilanz und schwitzendes Bürovolk: Wie der Verglasungswahn gegen die Grundregeln der Baukunst verstößt Artikel Teil 2...

English summary (français à suivre):

"Living in a Sweat Lodge"
Construction technology: Daring palaces of glass shoot skywards in cities. A new study demonstrates that the transparent towers squander energy - their need for cooling, in particular, is horrendous. Their Achilles heel is excess light. The sun's rays can pass through the transparent facades unhindered. The rooms inside are heated up like greenhouses. The effect is heightened by internal heat sources from computing, in-house technology and lighting.

Quelle: Der Spiegel 47/2004; reproduziert ohne kommerzielle Absichten oder Interessen
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