Leben im Schwitzkasten (2)

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"Nachfragen bei den Investoren blieben erfolglos", berichtet er. Exakt durchgemessen wurde bislang nur ein einziges Gebäude in Deutschland, das Haus der Wirtschaftsförderung in Duisburg. Eine Blockhütte, in der ein Bollerofen qualmt, ist sparsamer.

Die Verfechter der Glastempel halten dagegen. Gern nennen sie ihre entmaterialisierten Glanzquader "ökologisch" und "grün".

Doch in Wahrheit aast die Zunft mit den Ressourcen, wie auch eine Arbeit des Frankfurter Energiereferats zeigt. Deren Mitarbeiter Ingo Therburg konnte 13 Hochhausbesitzer überreden, ihre Verbräuche für Heizung, Licht und Kühlung (streng anonymisiert) offen zu legen. Ergebnis: Der Durchschnittsverbrauch liegt bei 503 kWh/m2a.

Was für eine Pleite! Das Schlusslicht der Studie vergeudete pro Jahr und Quadratmeter volle 1000 kWh - was etwa 100 Liter Öl entspricht. Zum Vergleich: Ein sehr gut isoliertes Einfamilienhaus verbraucht pro Quadratmeter den Energieinhalt von nur drei Litern Öl.
Swiss-Re-Haus in LondonHeisse Hütte - Nachteile der Glasdoppelfassade


Mit dieser Horrorbilanz gerät ein Architekturtrend ins Zwielicht, der bereits in den zwanziger Jahren begann. Es waren die Gründer des Weimarer Bauhauses, die nach mehr Licht, Luft und Sonne riefen. Raus aus der Mietskaserne, hieß die Parole. Begrenzt wurde der Drang nach mehr Helligkeit nur durch das viele Kondenswasser an den Scheiben.

Mittlerweile sind die Glasfronten ins Riesenhafte gewachsen. Ob Altersheim oder Parlament, Theater oder Aussegnungshalle - Investoren rufen nach Lichtschächten, sie wollen Atrien und Sonnenschein bis hinab ins Kellerklo. Selbst in Dubai, wo man traditionell gern im Schatten sitzt, erhebt sich ein Glaszinken, das 321 Meter hohe Luxushotel Burj al-Arab ("Turm der Araber").

Doch so schön sie auch aussehen mögen, nahezu alle diese Immobilien verstoßen gegen eine Grundregel der Baukunst. "Zur Tageszeit darf es im Sommer innen zu keinem Zeitpunkt wärmer werden als außen" - so haben es Deutschlands Hochschullehrer für Bauphysik auf einer Konferenz empfohlen. Kaum einer hält sich daran.

Als besonders problematisches Bauteil gilt die Glasdoppelfassade. Dabei wird dem Haus etwa im Abstand von 50 Zentimetern eine Hülle aus Glas vorgesetzt. Die glänzende Haut ermöglicht Bauwerke, die wie Skulpturen aussehen.

Erprobt wurde die Technik erstmals im Jahr 1996 vom Architekten Christoph Ingenhoven aus Düsseldorf. Er umspannte den 162 Meter hohen Firmensitz der RWE komplett mit Glas und verkündete eine Wende im Hochhausbau. Trotz der enormen Höhe lasse sich der Bau "natürlich belüften", und zwar durch Luftschlitze in der Außenhülle, die "Fischmäuler".

Doch das Ansinnen misslang. Auch wenn die Schlitze offen stehen, erhitzt sich die Pufferzone. Heute steht im RWE-Tower eine Klimaanlage, die pro Stunde 400 000 Kubikmeter Luft umwälzt.

"Schon eine Fassadenfläche mit 60 Prozent Glasanteil scheint ohne Kühlung unbeherrschbar", meint Eicke-Hennig. Deckenventile und Regelklappen stecken in den Lichttürmen. Fühler messen die Außenluft, "Klima-Ingenieure" überwachen das Kühlsystem. All diese Geräte erzeugen selbst wieder Abwärme, die weggekühlt werden muss.

So entsteht ein Teufelskreis, der die Energiebilanzen weiter in die Höhe treibt. Vollglasbauten, meint der Kritiker Karl Ganser, seien "mit so vielen Sensoren bestückt, dass man ein Gebäude auf der Intensivstation vor sich hat". Den Dortmunder Architekturlehrer Günther Moewes erinnert die Verschwendung an die "Gartenfeste von Ludwig XIV".

Ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Zwar wurde der mit Rhomben verzierte Frankfurter "Bembel-Tower" komplett mit Grünglas verkleidet, um die Sonne auszusperren. Doch nun herrscht in dem 109 Meter hohen Zylinder Schummerlicht. Überall brennen Lampen.

Tappt die moderne Architektur in die "Sonnenfalle", wie Ganser wähnt? Glasverliebte Baukünstler wie Renzo Piano oder Helmut Jahn mögen das nicht hören. Bei Architektur-Wettbewerben werde der gigantische Kühlaufwand einfach verleugnet, schimpft der Uni-Professor Gertis. "Es ist geradezu grotesk, mit welch pharisäerhaften Formulierungen man sich über diese Hürde hinwegmogelt."

Ausbaden muss die Sache am Ende das Bürovolk. Schon morgens läuft der Achselschweiß. Im "Rundling" in Duisburg sitzen die Angestellten mit Sonnenbrillen am Schreibtisch. Brütend ist die Luft besonders an Herbsttagen in den Eckräumen, wenn die Sonne fast waagerecht in die Zimmer strahlt.

Übel ergeht es auch den Nutzern des Zentrums für Zahnheilkunde in Zürich. An schönen Tagen erwärmen sich dort die Chromgeländer auf "über 60 Grad", wie es in einem internen Bericht heißt. Berührt werden können sie "nur mit Unterstützung eines Taschentuchs".

Artikel Teil 1...

Quelle: Der Spiegel 47/2004; reproduziert ohne kommerzielle Absichten oder Interessen

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