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"Drone Parents" teeneager surveillance by smartphone app
Upbringing: After the helicopter parents we now see the drone parents generation. Worried mothers and fathers are surveilling their children and teenagers everywhere and anytime, wherever they go. They are using smart phones with smart aps and localisationprogrammes.

Drohnen-Eltern: "Auf Schritt und Tritt"

Erziehung Auf die Helikopter-Eltern folgen die Drohnen-Eltern: Besorgte Mutter und Vater überwachen ihre Kinder mit Smartphone-Apps und Ortungsgeräten.

Wenn Michaela Jansen nicht weiß, wo ihre Kinder sind, zuckt sie das Smartphone und ortet sie. Neulich zum Beispiel: Ihre Tochter Katrin, neun Jahre alt, wollte mit dem Roller nur ein bisschen ums Haus fahren, kam dann eine gefühlte Ewigkeit nicht zurück. Die Mutter startete ihre App und erhielt Sekunden später die Nachricht: "Katrin wurde gefunden."

Auf einem digitalen Stadtplan von Eschweiler, einer Stadt bei Aachen, konnte Michaela Jansen sehen, dass ihre Tochter nur zwei Straßen entfernt war, auf dem Spielplatz der Grundschule. "Mir gibt es ein Gefühl von Sicherheit, immer zu wissen, wo meine Kinder sind", sagt die Mutter. "Man liest und hört immer öfter, dass Kinder entführt werden. Oder von dubiosen Menschen, die rumfahren und Kinder ansprechen."

Zur Familie gehören fünf Töchter im Alter von 5 bis 17 Jahren. Alle bis auf die jüngste haben ein Smartphone, auf dem die App "Synagram" installiert ist. Mittels GPS können die Eltern jederzeit herausfinden, wo sich ihre Kinder gerade rumtreiben. Druckt die Mutter auf "orten", passiert zweierlei. Sie erhält die Adresse und das Kind eine Nachricht "Michaela sucht dich".

Yvonne, die zwölfjährige Tochter, ist nickt begeistert. "Man kann nichts mehr heimlich machen", sagt sie. "Mal in die Stadt nach der Schule, Läden gucken, Eis essen oder einfach nur rumlaufen, das geht nicht mehr. Die Eltern wissen ja immer, wo du bist." Die Mutter beschwichtigt: Sie benutze den Ortungsdienst ja nicht oft. "Aber es ist gut, dass wir jederzeit die Möglichkeit dazu haben."

Zahlreiche deutsche Firmen bieten inzwischen Apps und Ortungsgeräte an, mit denen Eltern ihre Kinder überwachen können. Die Anbieter versprechen einen Alltag ohne Angst: Falls das Kind verloren geht, wegläuft oder gar entführt wird, könne es rasch geortet und dadurch gerettet werden.

Dabei war die Zahl der Kinder, die als vermisst gemeldet werden, vor 15 Jahren noch doppelt so hoch wie heute. Zudem klären sich nach Angaben des Bundeskriminalamts 99 Prozent der rund 6000 bis 7000 Fälle pro Jahr auf, meistens sehr schnell. "Die subjektive Bedrohung ist um ein Vielfaches höher als die objektive", sagt der Kölner Psychologe und Trendforscher Stephan Grünewald.

Mit Statistik kann man besorgte Eltern jedoch kaum beruhigen: Wenn es um ihre Kinder geht, sind ihnen Wahrscheinlichkeiten egal.

Die Anbieter von Kinderüberwachungstechnik machen sich die Emotionen der Eltern zunutze. "Behüten Sic, was Ihnen lieb und teuer ist", wirbt der Hersteller von "iNanny", einem Gerät zur "Live-Verfolgung" der Kleinen. Der Anbieter Synagram verspricht: "Dein Kind ist sicher."

Die Firma Migardo in Hannover hat sich Promis gesucht, um ihre Aufpass-App bekannt zu machen: Peter Maffay und den Drachen Tabaluga. "Am liebsten wurde man seine Kinder Tag und Nacht nicht aus den Augen lassen", sagte der Deutschrocker auf der Messe Cebit, wo die App im März vorgestellt wurde.

Mit der "Tabaluga SOS Familien-App" können Eltern einen digitalen Gartenzaun um ihre Kleinen errichten, "Geofencing" nennt sich das. Sic können etwa einen Radius von 500 Metern um das Haus festlegen oder den Schulweg programmieren. Wenn das Kind diese Zonen verlässt, bekommen Mama und Papa eine Warnnachricht aufs Handy (siehe Grafik).

In die App ist ein Alarmsystem eingebaut, mit zwei Eskalationsstufen: Fühle sich das Kind unwohl, könne es auf seinem Smartphone einen Herzchenknopf drücken und die Eltern verständigen. Für akute Gefahr oder in einem medizinischen Notfall gebe es den Drachenknopf. Über ihn wird eine Notrufzentrale alarmiert, die einen Arzt oder die Polizei einschalten kann.

Im SOS-Fall wird zudem alle 30 Sekunden der Standort übermittelt. "Für den seltenen Fall einer Entführung" könne man so sehen, wohin das Kind verschleppt werde, sagt Migardo-Chefin Johanna Rothmann. Nach Ansicht des Unternehmens geht es bei der App nicht um Überwachung oder Freiheitseinschränkung, sondern um Sicherheit. "Im Notfall zählt jede Sekunde", sagt Rothmann.

Experten warnen vor den Folgen für den Nachwuchs. "Viele Eltern fühlen sich besser, wenn sie jederzeit wissen, wo ihre Kinder sind", sagt Ekkehard Mutschler vom Deutschen Kinderschutzbund. "Für die Kindesentwicklung ist es aber eine Katastrophe." Wer auf Schritt und Tritt überwacht werde, könne nicht lernen, selbstständig zu sein. "Die Kinder werden völlig verunsichert", sagt Mutschler. "Sie vermuten überall Gefahren und haben das Gefühl, dass immer etwas passieren kann."

Schon fast zwei Drittel der Zehn- und Elfjährigen verfügten über ein Handy oder ein Smartphone, heißt es in einer aktuellen Studie zum Thema "Kinder und Medien". Machen sich die Eltern Sorgen, rufen sie sofort an, fast 90 Prozent von ihnen stimmen der Aussage zu: "Ich finde es gut, dass man Kinder per Handy/Smartphone immer erreichen kann."

Aufpass-Apps stellen die nächste Stufe der digitalen Überwachung dar. Die Hersteller betonen zumeist, dass man ihre Technik nicht gegen den Willen der Kinder verwenden, sondern sie von deren Nutzen überzeugen solle. Doch ob sich die Eltern daran halten, wenn sie erst einmal in den Angstmodus geschaltet haben, lässt sich schwer überprüfen.

Wie weit die Überwachungsfantasien mancher Mutter und Vater gehen, kann man in Elternforen erahnen. Dort finden sich Tipps, wie das Verhalten der Kinder im Internet und in sozialen Netzwerken kontrolliert werden könne. Manche Nutzer schwadronieren davon, dass sie Kameras im Kinderzimmer installieren oder per Spähsoftware die Chats ihres Nachwuchses mitlesen wollen.

Auf die Helikopter-Eltern folgen offenbar die Drohnen-Eltern. Die zunehmende Verfügbarkeit von Apps und Geräten, mit denen sich Kinder überwachen lassen, könnte sozialen Druck unter Vätern und Müttern erzeugen, befürchtet Psychologe Grünewald.

"Eltern bekommen das Gefühl: Wer diese Möglichkeiten nicht nutzt, macht sich schuldig, wenn doch etwas passiert."

Die Möglichkeiten zur digitalen Dauerbehütung des Nachwuchses werden sich noch ausweiten: durch die steigende Zahl von "Wearables", also Geräten, die am Körper getragen werden.

Ein Berliner Unternehmen, das mit GPS-Trackern für Hunde anfing, hat eine Kinderarmbanduhr auf den Markt gebracht, in knalligem Grün und Rosa. Mit "Wo ist Lilly?" können Eltern nicht nur "jederzeit den metergenauen Standort" ihres Kindes ermitteln. Geht das Kind an einen Ort, an den es sich nicht begeben soll, erhalten die Eltern einen Alarm. Das passiert auch, wenn das Kind die Uhr ablegt. Ähnlich werden Straftäter überwacht, die digitale Fußfesseln tragen müssen.

Stuttgarter Erfinder basteln an einem Minigerät, das sich in einen Knopf oder ein Ansteckherzchen integrieren hisst. "Lovey" soll automatisch erkennen, ob ein Kind von bekannten Menschen umgeben und damit mutmaßlich sicher sei. Produktreif ist "Lovey" noch nicht, aber die Idee halten die Tüftler für vielversprechend.

Dabei ist schon die Grundannahme fragwürdig: Die Bösen sind nicht immer Fremde, Bekannte sind nicht immer die Guten. Opferorganisationen betonen seit Jahren, dass bei Kindesmissbrauch die Täter in den meisten Fällen aus dem Umfeld kommen.

Trotzdem schüren Firmen Ängste vor düsteren Gestalten, die den Kleinen auf dem Weg zur Schule oder zum Schwimmbad auflauern. "Wie wollen Sie ihr Kind davor schützen, dass es auf einem der Wege von Fremden angesprochen wird?", fragt ein Anbieter von Ortungstechnik.

Mit "Horror-Apps" zur Totalüberwachung will Hauke Windmüller nichts zu tun haben. Aber auch er will Eltern dabei helfen, ihre Kinder stets im Blick zu haben: Seine Hamburger Firma Familonet hat 2014 einen Start-up-Preis gewonnen und die wohl erfolgreichste deutsche Aufpass-App im Angebot.

Windmüller sitzt in Birkenstocksandalen und kragenlosem Hemd in einem hellen Büro im Schanzenviertel. Eine Digitalanzeige an der Wand meldet ihm ständig die aktuelle Nutzerzahl, fast 600 000 sind es derzeit, davon kommt die Hälfte aus Deutschland. Bis zum Ende des Jahres sollen es eine Million Nutzer sein.

Der Erfolg von Familonet erklärt sich auch damit, dass die App bisher umsonst ist und harmlos daherkommt. Die Grundidee sei, eine schnelle Antwort auf die Frage zu liefern: "Wo bist du?" Alle Familienmitglieder richten in dem Programm feste Orte ein. Wenn sie dort ankommen, sehen es die anderen. Mama ist im Büro, Papa im Fitnessstudio, der Sohn in der Schule, die Tochter bei der besten Freundin. Das erleichtere Familien, ihren Alltag zu organisieren, glaubt Windmüller. Für viele gehe es aber auch um Sicherheit.

Bevor das Start-up an den Markt ging, befragte Familonet Eltern. Mehr als die Hälfte signalisierte Interesse an einer App, die automatisch melde, wenn ihr Kind ein bestimmtes Ziel erreicht habe. "Manchen ist das zu viel Kontrolle", sagt Windmüller. "Das muss jeder für sich wissen."

Andreas Flemm setzt das Programm ein, um zu kontrollieren, ob sein elfjähriger Sohn in der Schule ankommt. Theo fahre allein mit dem Bus, erzählt der Vater aus Wien, und müsse an einer unübersichtlichen Haltestelle umsteigen. Neulich sei der Junge in der falschen Buslinie gelandet. Über die App habe er gesehen, dass etwas schiefging, und seinen Sohn mit dem Auto aufgesammelt.

Im Vergleich zu anderen Überwachungsmethoden hält Flemm die Aufpass-App für sanft. "Wir wollten Theo nicht chippen lassen wie einen Hund", sagt der Vater. "Das wäre dann doch ein bisschen grausig."

Miriam Olbrisch, Wolf Wiedmann-Schmidt Mail: mirjam_olbrisch@Spiegel.de, Twitter: @olb
Mail: wiedmann@spiegel.de. Twtter: @schmidtwolf

Copyright: DER SPIEGEL, 29/2015 Seite 51-52
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